"Tragbare Mode für Millionen"

Von Linda Stutznäcker

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Am 15. August 1916 wird Heinz Oestergaard in Berlin geboren.

Er wächst in einer deutsch-dänischen Verlegerfamilie in großbürgerlichen Schöneberger Verhältnissen auf. Die Familie betreibt einen Schulbuchverlag, und der Wunsch des Vaters ist es, dass der Sohn ihn weiterführen möge. Doch schon als Kind ist Heinz Oestergaard von der Mode besessen, interessiert sich für die Garderobe seiner Mutter und bildet schnell seinen eigenen Geschmack – er will etwas Anderes, als sein Vater für ihn plant: er will Mode machen.

Bis 1935 macht Oestergaard zunächst eine Lehre als Textilkaufmann und studiert daraufhin Kunst und Zeichnen bei Professor Breuhaus de Groot und Professor Otto Arpke, die seine künstlerischen Ambitionen entscheidend prägen. Anschließend besucht er die Hirsch'sche Zuschneideakademie in Berlin, die er 1935 mit dem Abschlusszertifikat der technischen Ausbildung als Modeschaffender verlässt.

1936 tritt er eine Lehre im damals berühmten Modehaus "Schröder-Eggeringhaus" an, jedoch 1937 muss er zum Arbeitsdienst. 1938 bis 1940 arbeitet Oestergaard als Konfektionär und Modeschöpfer im Salon "Erich-Vogel" in Berlin, bis er 1940 zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogen wird und in russische Gefangenschaft gerät. Als er 1946 in seine zerbombte Heimatstadt Berlin zurückkehrt, ist niemandem nach Glamour zumute. Die Stadt liegt am Boden. Die Trümmerfrauen, die Deutschland wieder aufbauen müssen, prägen während der gesamten Nachkriegsjahre das Straßenbild. Sie tragen beim Steineschleppen Kleiderschürzen, geflickte Strümpfe, geknotete Tücher auf dem Kopf und die grauen Wollmäntel ihrer Männer.

Als Christian Dior am 12. Februar 1947 in Paris eine neue Linie präsentiert, die unter dem Namen "New Look" die Damenbekleidung der 50er Jahre bestimmen wird, macht sich vor Allem in Deutschland zunächst heftiger Protest gegen das Pariser Modediktat breit. Zum einen stellt die neue Linie Frauen vor das Problem, genügend Stoff zu beschaffen, zum Anderen repräsentiert der "New Look" für viele nichts Anderes als eine modische Variante des überholten Frauenbildes.

Nach und nach erfreut sich die neue Linie jedoch zunehmender Beliebtheit, und neben anderen deutschen Designern bemüht sich auch Heinz Oestergaard, den "New Look" trotz Materialknappheit umzusetzen: Fallschirmseide, Decken und Fahnenstoffe aus Lagerbeständen der Wehrmacht werden ebenso umgearbeitet wie Flickenstoffe, Bettzeug und alte Kleider.

Die Trümmerfrauen lassen Oestergaard nicht los, er ist regelrecht besessen von dem Gedanken, ihnen wieder Mode und Eleganz zu geben. Sein erster Gedanke ist: „Ich will für diese Frauen Mode machen - etwas Schönes.” 1946 versetzt Oestergaard einen Flügel und eine goldene Uhr, mietet sich eine Villa in Grunewald, stellt Näherinnen ein und eröffnet als jüngster Modemacher Berlins sein erstes Modeatelier mit dem Namen: "Schröder-Eggeringhaus & Oestergaard".

Zu seinen ersten Kundinnen gehören Prostituierte, „denn sie allein hatten Gelegenheit und Mut, Aufsehen zu erregen - und natürlich das nötige Kleingeld”, erzählt er später. Bezahlt wird meist in Nachkriegswährung: Whisky und Zigaretten. Die nutzt Oestergaard auch, um an Stoffe zu kommen, was in diesen Zeiten nicht einfach ist. Während Christian Dior zur gleichen Zeit in Paris Abendkleider kreiert, die bis zu achtzig Meter Stoff verbrauchen, muss er alte Wehrmachtsuniformen, Gardinen und Fahnen verwerten. Als Berliner begegnet er dem Mangel mit Schnauze und gibt seinen Entwürfen Namen wie „Schwarzmarkt” und „Stromsperre”.  

Zwar von Paris inspiriert behält Oestergaard jedoch seine eigene Note und erarbeitet sich einen großen Kundenkreis und Bekanntheitsgrad – er kleidet unter zahlreichen Prominenten vor Allem auch die deutschen Stars der 50er Jahre ein. Er kreiert für die Damen der Gesellschaft Kleider mit weichen, fließenden Linien, deren Femininität er durch schmale Taillen und runde Schultern ergänzt. Sein Design ist elegant, aber auch luftig und heiter. „Mein Prinzip war, den Körper zu formen, aber nicht zu vergewaltigen”, beschreibt er später seinen Stil, „die Kleider für die neue Frau nach dem Krieg sollten verführerisch sein.” – und betonen deshalb meist das Dekolleté.

Heinz Oestergaard liebt die Berliner Gesellschaft, und diese liebt ihn. Fast alle Stars des Nachkriegsfilms kommen in sein Atelier. Romy Schneider, Hildegard Knef, Cornelia Froboess, Maria Schell und Zarah Leander gehören zu seinen Kundinnen.

Ab 1951 ist Oestergaard auch als Modeberater für Industrieunternehmen und Stoff-Firmen wie Hoechst, Girmes oder Bayer tätig. Als Berater der Unterwäschefirma Triumph befreit er die Frauen vom Korsett, indem er die Stahlstäbchen entfernt und Mieder aus weichem Stretchmaterial schaffen lässt. Als einer der ersten Modemacher verarbeitet er bei seinen Stoffen Chemiefasern wie Trevira, führt Anfang der 50er Jahre die neuen Synthetikfasern Cupresa und Cuprama ein, was seiner Laufbahn zu einem guten Schwung nach oben verhilft - mit aus den Synthetikfasern gestalteten Modellen veranstaltet Oestergaard öffentliche Modenschauen in 40 deutschen Städten - ein großer Erfolg.

Neben Kollektionen für führende Modehäuser entwirft Oestergaard Exklusivmodelle im Privatauftrag für prominente Persönlichkeiten von Bühne, Film, Funk und Fernsehen, er erhält Preise für Film- und Bühnenausstattung.  Viele aus der Branche belächeln ihn, als er 1967 anfängt, für das Versandhaus „Quelle” zu entwerfen. Aber die fast 20 Jahre dauernde Zusammenarbeit mit Grete Schickedanz ist überaus erfolgreich. Einmal überredet er die Firmenchefin, damals noch nicht populäre Overalls anzubieten - sie werden ein Verkaufsschlager.

Trotz allem führt er sein Modeatelier weiter, nach 1967 in München unter dem Namen „Studio für kreatives Design”. Der Mauerbau hatte die Arbeit in Berlin zunehmend erschwert, weshalb die Stadt an der Spree künftig in der deutschen Mode keine große Rolle mehr spielte. In München setzt Oestergaard sich entgegen der "Haute Couture" für eine Demokratisierung der Mode ein, er versteht Mode nicht mehr als elitären Ausdruck, möchte eine "Mode für Millionen", die der Masse zugänglich und erschwinglich ist. Seiner Meinung nach sollte jeder ein Recht auf Mode haben: „Ich möchte nicht ins Blaue phantasieren, ich möchte am Ku'damm jemanden sehen, der meine Kleider trägt.” Oestergaard will, dass die deutsche Durchschnittsfrau schicker wird, und er will beweisen, dass Alltagskleidung modisch sein kann. Dafür setzt er sich bei verschiedenen Modehäusern und Firmen ein.

In dieser Zeit entdeckt Oestergaard eine neue Sparte, die es zu modernisieren gilt: es entstehen zahlreiche Entwürfe neuer, funktionaler Berufskleidung für diverse Verbände und Berufszweige. 1971 verpasst er der Polizei die bundesweite, teils bis heute gültige grün-gelbe Uniform, knitterfrei und strapazierfähig – und endlich gibt es in Deutschland eine einheitliche Uniform, denn bis dahin gab es 120 verschiedene Modelle. Außerdem kreiert Heinz Oestergaard die Schutzbekleidung des ADAC und schlägt diesem die Farbe Orange vor:  Er kreiert für die technischen Hilfstruppen, die sogenannten „Gelben Engel“, Overalls aus orangefarbener Baumwolle. Dazu tragen sie eine Jockeymütze sowie einen orangefarbenen Mantel mit Südwester aus Kunststoff (Vistram). Repräsentativen Zwecken dient der von Oestergaard entworfene, leicht taillierte, braune Dienstanzug mit modischer Ballon-Schirmkappe. Die leuchtende Sicherheitskleidung führt der ADAC jedoch erst 1987 ein. Ebenso entwirft Oestergaard auch die Uniformen für die Handelsmarine der Sowjetunion.

Neben Kleidern, darunter auch Filmkostümen, entwirft Oestergaard Dessous, Schuhe und Brillen.  Er ist der Erste, der mit Dessous-Modenschauen das prüde Bewusstsein im Nachkriegsdeutschland aufrüttelt.

Doch nicht nur als Modedesigner macht sich Heinz Oestergaard einen Namen, sondern auch im Hochschulwesen. Schon 1969 wird er zum Professor an der „Deutschen Meisterschule“ in München berufen; und ab 1975 ist er Ehrenmitglied der Universität Innsbruck. 1978 wird Oestergaard Professor für Modedesign an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim und hält dort Vorlesungen bis 1984. Er bewirkt unter Anderem, dass der Studiengang Mode ins internationale Medieninteresse rückt. Einige seiner  Kollegen beschreiben ihn später:  „Mit bewundernswerter Kraft und Energie verstand Oestergaard es, seine weltweit gesammelten Erfahrungen den Studierenden praxisnah weiterzugeben. Neben seinen Erfahrungen war es das "Kreative-vorweg-Erspüren" von Modetrends, das den renommierten Modedesigner auszeichnete.

In seinen Vorlesungen verdeutlichte er u.A. die Zusammenhänge zwischen Allgemeinwissen, Musik, Reisetrends, Politik und deren Wechselbeziehungen zur Mode. Mit nicht unerheblichen finanziellen Mitteln umging er Etat-Engpässe und unterstützte die Studierenden, bei der geforderten perfekten Organisation und Präsentation. Seinen Studierenden war er nicht nur auf fachlicher Ebene ein vorbildlicher Professor. "Seine menschliche große Würde", erklärt Professor Jablonski, seinerzeit Rektor der Fachhochschule für Gestaltung, "wurde spürbar erkannt und selbst die in allen Bereichen vertretenen Querdenker mussten seiner Art mit jungen Menschen zu sprechen, stille Achtung zollen." „Heinz Oestergaard war ein außergewöhnlicher Mensch. Selten ist mir ein so toleranter Mensch begegnet wie er", so Prorektorin Gerda Maria Ott aus dem Hochschulbereich Gestaltung. "Seine Offenheit war seine Stärke und seine Liebe der Schutz gegen Einsamkeit. Er war bescheiden und trotzdem eitel bis ins hohe Alter: er trug nur helle Farben, bevorzugt Weiß, und mit seinem jugendlichen Lachen und dem dichten weißen Haar, erweckte er fast den Eindruck eines "Gurus". Es war nicht leicht nach "Oesti" den Studiengang Mode zu übernehmen, aber er hat mich liebevoll und tröstend unterstützt, ja er ist sogar extra angereist, um mit mir noch einmal zum Defilée auf die Bühne zu springen. Ich bewunderte seinen Charme und seine Herzlichkeit und verdanke ihm viele spannende Gespräche."

Auch nach seiner Pensionierung hält der leidenschaftliche Professor gelegentlich noch Vorträge und beteiligt sich in Jurys.Wer heute an die Hochschule nach Pforzheim kommt, wird auf viele Spuren von Oestergaard stoßen, die noch lange erkennbar sein werden. Neben zahlreichen Anekdoten, die von Semester zu Semester weitergegeben werden, sind inzwischen auch ehemalige Schüler und Schülerinnen von Oestergaard als Lehrbeauftragte aktiv, viele seiner „Kinder“ sind heute in Berlin, München, Paris und London als selbstständige Modedesigner aktiv oder für große Konfektionsfirmen tätig.

Nach seiner Pensionierung als Professor erlernt Oestergaard die Kunst des Glasblasens und entwirft Vasen, außerdem Teppiche und Möbel. 1992 veröffentlichte Oestergaard viele seiner Werke in der Ausstellung "Mode für Millionen" im Berlin Museum sowie 1993 in einer Ausstellung  im "Museum für Angewandte Kunst" in Köln. 1996 wird sein Lebenswerk gewürdigt: Am 05.Februar bekommt Heinz Oestergaard den Verdienstorden des Landes Berlin verliehen, einen Tag später das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am Samstag, den 10.05.2003, stirbt Heinz Oestergaard im Alter von 86 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung in einem Seniorenheim in Bad Reichenhall. Heute gilt Heinz Oestergaard als bedeutendster und einflussreichster deutscher  Modedesigner der Nachkriegszeit. Seine Aktivitäten schienen wie ein Spiel - alles mit leichter Hand arrangiert. Seine Ausstrahlung war perfekt und glamourös auf der Bühne und warm und aufmerksam im Gespräch mit jedem Einzelnen. Er liebte das Leben, die Menschen und seine Arbeit wie kein Anderer.

 

 

  Sendetag: 13.06.2002, 20.15 Uhr
 

Prof. Heinz Oestergaard

Modedesigner

im Gespräch mit Dr. Margot Lehner

 

Das Original des Artikels steht leider nicht mehr zur Verfügung

Lehner: Herzlich willkommen, verehrte Zuschauer, zu Alpha-Forum. Unser heutiger Gast ist der deutsche Modeschöpfer, der in aktuellen Nachschlagewerken einen Ehrentitel bekommen hat: der "Demokrat" unter den Coutures, Professor Heinz Oestergaard. Mitten im Ersten Weltkrieg 1916 in Berlin geboren, schrieben Sie sich tatsächlich in die Kulturgeschichte der jungen deutschen Bundesrepublik ein, mit ihren zärtlichen und schönlinigen Modeschöpfungen. Später sind Sie aus dem Elfenbeinturm der Haute Couture herausgetreten und haben – wie Sie es nannten – "Mode für Millionen" gemacht. Heute beschäftigen Sie sich mit der Kunst. Für einen Augenblick möchte ich das Stichwort Mode beiseite lassen und noch mal bei 1916 anfangen. Es war die Kriegszeit, dann die schweren ökonomischen Zeiten Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre in Deutschland, dann Hitler-Zeit. 1939, bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, waren Sie 23 Jahre alt. Sie haben den Krieg aktiv miterlebt und waren bis 1945 in russischer Gefangenschaft. Das wäre eigentlich die schönste Jugendzeit gewesen. Heute sagt man dazu gerne die "verbrannte Jugend", die unglückliche Jugend. Haben Sie, Professor Oestergaard, das damals auch so empfunden?
Oestergaard: Nein, überhaupt nicht. Ich bin sehr optimistisch, glaube an den lieben Gott, ohne religiös zu sein. Meine Mutter sagte immer: "Was dir das Leben auferlegt, das muss man meistern." So bin ich durch die russische Geschichte gegangen und habe mir gesagt: Ich muss versuchen zu überleben, das Beste aus allem machen. Ich habe abends im Gefangenenlager bei den Krankenschwestern Klavier gespielt. Dadurch bekam ich etwas mehr zu essen und so habe ich mich durchlaviert.
Lehner: Es ist schön, wenn man das nach so langer Zeit so sehen kann. Kommen wir nun zum Stichwort Mode. Professor Oestergaard, was ist Mode?
Oestergaard: Mode ist die Veränderung, dass man sich in der Bekleidung dem Tagesgeschehen anpasst und sich je nach Tendenz, was die Menschen gerne haben, herausputzt, attraktiv heraushebt aus einer anderen Gesellschaftsschicht oder heute sportlich erscheint und den jugendlichen Rhythmus im Körper durch Bekleidung ausdrückt. Das empfinde ich als Mode.
Lehner: So wie Sie das schildern ist das kein Diktat.
Oestergaard: Es ist ein Diktat: Man muss Vorreiter sein und gute Anregungen geben, dass die Damen und Herren es auch mitmachen, sich als schön empfinden, zeitgemäß, und man muss die verschiedenen sportlichen Typen der Bekleidung auch einbeziehen.
Lehner: Wie hat es angefangen in Ihrer Familie, zu Hause in Berlin, denn da waren Sie nicht primär von Mode umgeben, jedenfalls nicht arbeitsmäßig? Ihr Vater hatte etwas ganz anderes mit Ihnen vor.
Oestergaard: Mein Vater war Verlagsbuchhändler und mein Opa war ein berühmter Kartograph, der Landkarten gezeichnet hat. Von ihm habe ich das Zeichentalent geerbt. In seinem Studio habe ich auf der Rückseite der Landkartenvordrucke schon meine Stimmungen gezeichnet. So habe ich frühzeitig angefangen, schon mit sieben oder acht Jahren, einen Zeichenstift zu betätigen. Damals malte ich die Sonne, Bäume, Zwerge und Pilze und das änderte sich dann, als ich mich dem Menschen zuwandte.
Lehner: Wann war das?
Oestergaard: Da war ich 17 oder 18 Jahre alt.
Lehner: Ist es richtig, was man über Sie liest, dass Ihre Mutter Sie beeindruckt hat, durch ihre Schönheit und Eleganz, und dass daher womöglich Ihr Weg zur Mode kam?
Oestergaard: Mutti war eine sehr schicke Dame, sehr weltoffen, tanzte gut und hatte eine wunderbare Figur. Als ich meine erste Stellung in einem Kleiderhaus in Berlin hatte, da hat Mutti meine ersten Kleider, die ich gekauft oder geschenkt bekommen habe vom Chef, mit sehr großer Wärme getragen. Wollte ich beim Militär oder Arbeitsdienst Urlaub haben, dann sagte ich: "Mutti, zieh dich schick an und beeinflusse den Hauptwachtmeister ein bisschen, damit ich Urlaub bekomme."
Lehner: Sie waren also schon immer ein guter PR-Mann.
Oestergaard: Ich musste wissen, woran ich bin, und konnte aus einer Situation das Beste herausschlagen.
Lehner: Wie haben Sie das Modehandwerk erlernt?
Oestergaard: Ich musste Schneider lernen.
Lehner: Gab es da nicht einen Aufschrei in der Familie?
Oestergaard: Natürlich. Meine Oma sagte: "Um Gottes Willen, aus meinem Lieblingsenkel wird ein Schneider!" Es war eine große Revolte. Ich sagte aber, dass ich kein gewöhnlicher Schneider werden wollte, sondern kreativ sein wollte, und mir macht es Spaß, Kleider zu machen, denn man kann auch schöne Kleider machen. So habe ich die Gegenpartei mit Hilfe meiner Eltern niedergewalzt und durfte bei Professor Breuhaus und Professor Arpke, der selbst Bauhaus-Schüler war, Mode studieren. Das hat mir sehr geholfen, da ich sehr strenge Lehrer hatte. Von Professor Arpke bekam ich eine richtige Schule. Sie nahmen mich auch auf Ausflüge mit, so dass ich eine gute persönliche Führung hatte.
Lehner: Das ist sicher wichtig für die Jugend. Sie haben aber auch Textilkaufmann studiert.
Oestergaard: Ja, es gehört dazu, dass man von Stoffen und Textilien eine Kenntnis hat. In der Nachkriegszeit wurden neue Stoffe erfunden und man hatte besondere Verarbeitungsmöglichkeiten, die ich lernen musste. Ich musste mich mit den Stoffen abgeben, was ich auch sehr gut konnte. Ich bekam Verträge bei den Farbwerken Hoechst, die die Stoffe fabrizierten und entwickelten, so dass ich angestellt war, Gehalt bekam und aus den Stoffen schöne Kleider machte.
Lehner: Ich wollte noch an die erste Nachkriegszeit erinnern. Berlin im Jahre 1946 war kaputt, zerbombt und da hatten Sie ein erstes kleines Atelier am Nollendorfplatz und ganz schnell dann auch im Grunewald. Was aber gab es 1946 in Berlin zu schneidern?
Oestergaard: Es waren Stoffe, die ich aus Glauchau und Chemnitz für Kaffee und Kakao eingehandelt hatte. Ich hatte ein paar Amerikaner, die mir sehr zugetan waren und die mich damals auch mit Naturalien versorgten. Ich fuhr nach Glauchau und Chemnitz und habe den Stofffabrikanten diese damals so wertvollen Naturalien gegeben und dafür Stoffe bekommen. Dann konnte ich arbeiten, sogar kleine Kollektonen von 40 Sachen machen. Ich hatte damals schon so ein Öffentlichkeitsbewusststein und lud wichtige Leute in Berlin ein, vor allem die Presse und reiche und mir wohlgesinnte Kunden. So habe ich mein erstes Klientel bekommen.
Lehner: Dieser, Ihr erster schlagartiger Erfolg, ist für mich, der ich eine zeitlang recherchiert habe über Sie, fast unvorstellbar. Sie waren 1947 in Berlin bereits der große, anerkannte Liebling. Können Sie sich erklären, wie das so schnell gehen konnte?
Oestergaard: Ich machte hübsche Kleider und fand dann sehr hübsche, berühmte Interpretinnen wie Brigitte Mira, Conny Froboess und Zarah Leander, die mir dabei auch in der Öffentlichkeit halfen, indem sie meine Kleider trugen. So ging es schlagartig in die Publicity.
Lehner: Wie war Conny Froboess? Wie haben Sie Ihre Entwicklung später gesehen?
Oestergaard: Aus ihr wurde eine sehr gute, ernsthafte Schauspielerin und wir waren befreundet. Sie zeigte mir einmal ein altes Kleid und sagte: "Schau mal, dieser Stoff ist mir ans Herz gewachsen." Diesen Stoff mit den kleinen Blümchen habe ich immer noch. Wir hatten eine sehr lebendige und auch seelisch zärtliche Freundschaft.
Lehner: Haben Sie in der frühen Zeit auch für Film und Theater gearbeitet?
Oestergaard: Ja, für Zarah Leander.
Lehner: Sie machten aber keine Gesamtausstattung.
Oestergaard: Nein, nur Einzelkleider.
Lehner: Ich habe gelesen, Sie haben in dieser frühen Zeit an einem Wettbewerb teilgenommen. Die Warner Brothers hatten eine Premiere des Films "Die schöne Helena".
Oestergaard: Ja, da hat das schönste Kleid der Welt den 1. Preis gewonnen und dieses Kleid war von mir.
Lehner: Wie war dieses Leben vor und nach der Blockade von Berlin in dieser quirligen Stadt? Sind Sie z. B. mit Ihren wunderschönen Mannequins unterwegs gewesen? Waren es primär schöne Frauen oder elegante Frauen? Was mussten Ihre Modells haben?
Oestergaard: Susanne Eriksson war mein Top-Modell, die erste deutsche Schönheitskönigin. Sie mussten Persönlichkeit haben, denn ein Gesicht genügte nicht, denn man musste sich darstellen können, Bewegungen haben. Das war der Erfolg meiner Sachen, dass ich wunderbare Frauen kennen gelernt habe, die Spaß an der Darstellung der Mode hatten.
Lehner: Das hat doch immer etwas mit Erotik zu tun von beiden Seiten.
Oestergaard: Heute ist man nichts ohne Erotik.
Lehner: Es war die Adenauer Zeit, die Wirtschaftswunderzeit, aber es gab auch das Fräuleinwunder. Daran haben Sie mitgewirkt.
Oestergaard: Ja, natürlich. Ich habe die Fräuleins älter gemacht, zu jungen Damen. Ich hatte nette Kundinnen wie Conny Froboess, die alle zu mir kamen und sich schöne Kleider machen ließen. So wurde ich auf Pressebällen und Veranstaltungen berühmt, indem die Leute sagten: "Schau mal, das ist ein 'Oesti'." So ging der Weg weiter voran.
Lehner: Sie machten auch das Hochzeitskleid von Romy Schneider.
Oestergaard: Ja.
Lehner: Diese große Zeit der Haute Couture ist auch die Zeit der großen Franzosen.
Oestergaard: Ja, mit Christian Dior bin ich befreundet oder auch mit Givenchy.
Lehner: Sie kannten sich alle untereinander. War das schwere Konkurrenz oder gab es auch gute Begegnungen und Freundschaften?
Oestergaard: Es gab auch Freundschaften. Ich war sehr mit Christian Dior befreundet und habe ihn auch auf seinem Schloss in der Provence besucht. Oft war ich ihnen auch zu unwichtig, dass sie in ihrem Weltmetropolhafen dachten: Was kann uns der kleine Mops schon antun.
Lehner: Sie hatten angeblich einmal eine Modenschau in Paris von Christian Dior besucht und angeblich hinterher gesagt: "Oh Gott, ich gebe es gleich auf, das kann ich nicht." Haben Sie das wirklich gesagt?
Oestergaard: Ja, das stimmt. Es war so schön, so stilistisch einwandfrei, die Formen und die großen Hüten. Das kann ich nie einholen, gibt deinen Beruf auf. Dann habe ich mich aber wieder gefangen und Mut bekommen.
Lehner: Sie sind dann einen neuen Weg gegangen. Sie haben sehr früh den Trend gesehen, dass Haute Couture nicht mehr so die Möglichkeit hat, da sie auch sehr teuer ist. Sie haben die Mode demokratisiert und einen neuen Weg beschritten.
Oestergaard: Ich habe gedacht, dass die tollen Modelle so wenig Trägerinnen haben. Nachdem sie einmal in der Zeitung waren, interessierten sie keinen mehr. Ich wollte Mode machen, die erschwinglich ist, die man tragen kann und trotzdem meine eigene Note und Handschrift haben. Früher hat man das doch etwas bagatellisiert nach dem Motto: Mode für Millionen, was es aber nicht war. Es waren extravagante, schöne Modelle mit meiner Handschrift, die man sich aber leisten konnte, die ich aus schönen Stoffen aus Frankreich gemacht habe, und mit guten Schneidern, die ich aus meinen Ateliers kannte. Ich machte Modenschauen und dann setzte auch der Erfolg ein.
Lehner: Es kam einiges zusammen: einerseits Ihr Interesse und andererseits das Angebot der Industrie für neue Stoffe, für Kunstfasern, chemisch bearbeitete Stoffe. Diese Stoffe waren bügelfrei, einfach anders. Hat das bei Ihnen auch eine andere Mode bewirkt?
Oestergaard: Ja, natürlich. Ich musste sie leichter schneidern, andere Röcke entwerfen und mich nach den Stoffen richtigen, die um den Körper führen. Das hat die Mode auch beeinflusst.
Lehner: Dazu kam Ihr Wechsel 1967 von Berlin nach München und Ihr Einstieg in das Versandhaus Quelle, wo Sie jahrzehntelang der oberste Modeberater waren. Wie kam das? Es ging ein Aufschrei durch die Kollegenschaft.
Oestergaard: Ich saß mit Mutti in der Küche, als das Telefon ging, und Frau Schickedanz am Apparat war. Ich freute mich über ihren Anruf und sie fragte mich, ob ich mit ihr arbeiten möchte. Natürlich wollte ich. Ich sagte ihr auch, ich komme gerne und werde alles machen, was im Rahmen des Hauses liegt, was schick, neu und verkäuflich ist. Sie lud mich nach München ein. So entstand die Zusammenarbeit und Freundschaft mit der von mir hochverehrten Frau Grete Schickedanz.
Lehner: Ihre Freundschaft hielt bis zu ihrem Tod. Wie ist es arbeitsmäßig für Sie abgelaufen? Haben Sie dort in Fürth ein Büro gehabt?
Oestergaard: Ja, ich musste mich morgens bei der Chefsekretärin melden. Ich machte neue Entwürfe und zeigte sie Frau Schickedanz, die sie beurteilte und in den Katalog aufnahm. Sie ließ mir freie Hand und freute sich darauf. Es war ein sehr herzliches, persönliches Verhältnis. Wir haben die Sachen vorführen lassen, am Boden ausgebreitet und entschieden, welche Modelle wir für den Katalog nehmen wollten. Liegt die Kleidung auf dem Boden, hat sie Ähnlichkeit mit den Fotos im Katalog. So entschieden wir. Es war erfolgreich und meine Position festigte sich. Ich hatte Frau Schickedanz gerne und sie nahm mich mit nach Spanien und es war eine wunderbare Zusammenarbeit.
Lehner: So schön und ausgeglichen es klingt, ich habe einen alten Fernsehbericht gesehen, der Sie in der Zusammenarbeit mit Herrn und Frau Schickedanz zeigt. Da ging es neben der Schönheit erst mal knallhart um die Preise. Es ging um den Preis für ein Kleid, entzückend liniert und gestylt und Sie schlugen 82 Mark vor. Da kam eisig: 79,50 Mark. Lief das wirklich so?
Oestergaard: Es war nicht so schlimm: Man muss Kritiken und Rückschläge vertragen können. Ich machte dann dasselbe Kleid aus einem Stoff, der zwei Mark billiger war und so ging es immer gut.
Lehner: Der Erfolg hat es gezeigt. Heute kann man sich nicht mehr so vorstellen, was das damals für eine Neuigkeit war. Heute gibt es alles in den Kaufhäusern, jeden großen Namen. Das war 1967 ganz neu. Sie waren auch der Erste, der Accessoires mitschuf: Schuhe, Brillen, Schirme. Es gab einen ganz besonderen Schuh, den Sie "take it easy" nannten. Was war das für ein Schuh?
Oestergaard: Es war ein sehr schöner, ballerinenförmiger Schuh mit halb hohem Absatz und es gab ihn in zehn Farben. Er war wunderschön und es gab ihn bei Gabor.
Lehner: Sie machten auch Strümpfe für Ergee. Sie haben aber auch etwas ganz anders gemacht, nämlich Berufskleidung, Uniformen.
Oestergaard: Ja, für die deutsche Polizei, die heute noch getragen wird.
Lehner: Wie kam es dazu?
Oestergaard: Ich weiß nicht. Es sprach mich jemand an und meinte, dass die Polizei neue Uniformen bräuchte und ich sollte mich mal melden. Ich versuche Kontakt herzustellen. So kam ich in Verbindung und machte Probeuniformen. Ich habe auch versucht, dass die Modelle gebrauchsfähig sind im Gelände beim Robben usw. Ich bekam den Auftrag.
Lehner: So sind Sie regelrecht vor Ort gegangen, um zu sehen, wo die Bedürfnisse liegen.
Oestergaard: Ja, natürlich.
Lehner: Sie haben auch den ADAC eingekleidet.
Oestergaard: Ja.
Lehner: Ich habe gelesen, dass Sie es selbst ausprobierten und deshalb haben die Jacken keine offenen Knöpfe. Beugt man sich nämlich über das Auto, dann könnte man den Lack verkratzen.
Oestergaard: Ja, das ist richtig.
Lehner: Sie haben sogar in Russland Matrosen der Handelsmarine eingekleidet.
Oestergaard: Ja.
Lehner: Haben Sie sie später einmal gesehen?
Oestergaard: Ja, ein Mal.
Lehner: Hat es Ihnen noch gefallen?
Oestergaard: Ja, natürlich und die Russen waren sehr nett zu mir, behandelten mich sehr höflich und es war nichts von Krieg oder Frieden zu spüren. Es waren liebenswerte Menschen, die gerne aßen und Wodka tranken. Ich machte mit und fühlte mich wohl.
Lehner: War dieses großartig, vielseitige, erfolgreiche Leben in den 70er und 80er Jahren mit vielen Reisen auch Starrummel für Sie?
Oestergaard: Nein, überhaupt nicht. Ich wollte lernen, andere Menschen sehen und mich international nach der Mode richten, damit es sich aus einer Masse formte zu einem internationalen Gefühl.
Lehner: Mode ist Ausdruck ihrer Zeit, sagt man, und sei Signal und Symbol. Stimmt das?
Oestergaard: Ja, absolut.
Lehner: Man könnte eine Geschichte der Mode durchlaufen.
Oestergaard: Ja, natürlich. Früher war sie ein Statussymbol, dass man Achtung vor der Uniform hatte, auch Angst. Das wich später zum Motto: Die Polizei, dein Freund und Helfer. Das musste nun angenehm sein, auch für die Jungs tragbar und schön mit angenehmen Farben. Ich habe die Khakifarben genommen, da sie erprobt waren durch das englische Empire. Ich dachte, dass ich hier nicht falsch liegen konnte.
Lehner: Wie hat das veränderte Wirtschaftswunderleben Ihre Mode beeinflusst? Reisen wurde plötzlich ganz groß.
Oestergaard: Ja, ich bin auch privat weiter gereist nach Südfrankreich und habe mir auch Amerika angesehen. Da ich immer gut verdient habe mit der Industrie, mit Stoffen, die ich entworfen habe, konnte ich mir auch erlauben, privat nach Amerika zu fliegen.
Lehner: Sie haben auf Ihren Reise mit Sicherheit auch Eindrücke mitgebracht, die in Ihre Mode eingeflossen sind. Waren das alte Dinge, die Sie beeinflusst haben?
Oestergaard: Nein, neue, sportliche Lebensgewohnheiten. Das Sakko zum Rock wurde damals modern, nicht nur Rock und Bluse. Das habe ich sofort empfunden und mitgemacht.
Lehner: Sie waren auch selber sehr sportlich.
Oestergaard: Ja, ich habe jeden Morgen Tennis gespielt. Ich bin auch gelaufen, habe einen eigenen Sportlehrer engagiert, der mit mir im Haus auch noch trainierte.
Lehner: Das war für Ihre sehr schöpferische, geistige Arbeit ein wunderbarer Ausgleich.
Oestergaard: Ja, und ich finde, um schöne Sachen zu machen, muss man sich körperlich auch wohl fühlen und sich als schön empfinden. Ich finde, jeder Mensch muss ein Schönheitsempfinden für seinen eigenen Körper haben, dann geht es ihm auch besser. Finde ich mich selbst schön, dann habe ich auch ein Schönheitsgefühl.
Lehner: Sie haben auch gelehrt und waren in Pforzheim, in Tel Aviv und in München Professor. Letztlich hat es mit Geschmack und Schönheitsgefühl zu tun. Kann man das aber lehren?
Oestergaard: Ja, natürlich. Das erste Prinzip ist, dass man die Augen offen hält, das Sehen lernt, die Zeit kennen lernt. Wollte man sich früher abheben von einer allgemeinen Bürgerschicht, modern sein, dann kam der Wunsch sportlich auszusehen, Sport mitzumachen und zu zeigen, dass man sportlich ist. Dann kamen die Hosen, das Sakko und der Pulli. Das waren die Folgeerscheinung der neuen Lebensform.
Lehner: Lebensform, die soziologische Umgebung bestimmt. Es wurden Anregungen aufgenommen. Woher kommt es aber dann, dass immer wieder Modetrends häufig gleichzeitig entstanden sind?
Oestergaard: Wir haben alle dieselben Eigenschaften zu beobachten und daraus ziehen wir Schlüsse. Das sind die Urformen der Mode: die glatten Kleider, die so geschnitten sein mussten mit Abnähern, dass sie beweglich sind, und die Futteralkleider mit einem kleinen Sakko darüber, die bequem sein mussten, die Farben abgestimmt, zu einem schwarzen Kleid ein rotes Sakko usw. Das waren die Erkenntnisse, die uns alle gemeinsam waren. Es entstand ohne Kopieren eine an sich doch sehr verwandte Mode.
Lehner: Ein ähnlicher Riecher, also, eine gute Nase. Eine Frage nun, die kommen muss: Bei wem kleideten Sie sich ein?
Oestergaard: Bei Armani, Versace. Ich kaufte da ein, wo etwas reduziert war, denn es war alles sehr teuer. Ich kaufte dann, was mir gefiel.
Lehner: Sind Sie hineingegangen oder haben Sie es bestellt?
Oestergaard: Ich bin hineingegangen, denn sie kannten mich alle.
Lehner: Sehen Sie in dieser heutigen schnelllebigen Zeit, in der Art wie damals, wirkliche große Trends in der Mode? Im Grunde kann man heute alles machen und alles anziehen.
Oestergaard: Es gibt einen allgemeinen Trend der Sportlichkeit, nämlich Hose, Pulli und Sakko und das ist ein Trend, die Hauptlinie der momentanen Mode. Dann gibt es die kleinen Kleider wie Cocktailkleider mit Chiffon und Applikationen, aber das ist eine andere, geringere Sparte. Heute Abend könnten Sie auch mit Hose, Pulli und Sakko zu einem Cocktail ausgehen.
Lehner: Finden Sie das so in Ordnung?
Oestergaard: Ja, absolut.
Lehner: Sie hatten nie etwas gegen Pop-Mode?
Oestergaard: Nein, nie.
Lehner: Sie haben nach so viel schöpferischer Leistung mit rund 70 Jahren so etwas wie eine dritte Karriere begonnen. Sie haben neu angefangen, die Mode hinter sich gelassen und sind direkt in das Kunsthandwerk gegangen. Hat es gereicht mit der Mode oder waren es andere Gründe?
Oestergaard: Es waren andere Gründe. Mich hat etwas Neues interessiert, das Glas, weil es so mutationsfähig ist, vielfältigere Gestaltungsmöglichkeiten hat als ein Stoff. Ich habe in Murano, in Venedig, einen guten Freund gefunden, den Direktor von Salviati, der berühmtesten Firma und das hat mich angeregt, so dass ich Glasblasen gelernt habe.
Lehner: Sie haben es selber, körperlich getan.
Oestergaard: Ja, ich habe selbst Glas geblasen.
Lehner: Das ist ein sehr schweres Handwerk.
Oestergaard: Ja, weil es auch die Lunge angreift. Ich habe viele Sachen selbst geblasen, bis der Arzt mir gesagt hat, dass die heiße Luft für mich zu schwer ist. Ich habe selbst Glas geblasen, etwa die Stücke, die ich zu Hause habe, und habe es auch richtig gelernt.
Lehner: Ich möchte es unseren Zuschauern gerne schildern, da wir keine Bilder davon haben: ein großes, fast quadratisches, hohes Zimmer, eingerichtet mit Acrylmöbeln und Glas- und Stahlregalen, vollgestellt mit größeren und ganz großen Glasformen, Vasen, spielerischen Formen, Lampen. Sie spielen mit Schalenformen, Säulen, Kugeln, rundfließenden, ganz selten ein kleiner bewusster Ausrutscher. Die Farben klar, orange, lagunenblau, grün, weiß. Sie leben mit dieser Ihrer Kunst. Oben drüber hängen Bilder und Teppiche, die auch von Ihnen entworfen wurden. Stark farbig, strenglinig mit mythologischen Themen sich beschäftigend und auch aus dem Buddhismus. Sie haben am Anfang gesagt, dass Sie gläubig sind. Haben Sie sich deshalb so viel mit Mythologie, mit Buddha und anderen Religionen beschäftigt?
Oestergaard: Ich glaube an Gott, in dem auch Buddha und andere Götter enthalten sind. Der Gott ist so groß und allmächtig, dass er auch andere Götter in sich aufnimmt. Dann habe ich mich in der Welt umgesehen in Indien, Afrika, Asien und habe die Formen aufgenommen und mich inspirieren lassen.
Lehner: Da hängt z. B. ein Teppich bei Ihnen, der einen typischen asiatischen Tiger darstellt, ganz abstrakt in der Bewegung, auch starkfarbig. Sie zeichnen heute noch.
Oestergaard: Ja.
Lehner: Was lesen Sie?
Oestergaard: Ich lese wenig, aber ich lasse mir vorlesen, da meine Augen durch das harte Licht sehr gelitten haben. Eine sehr gute Freundin von mir, die mir jeden Nachmittag vorgelesen hat, ist leider vor kurzem an Krebs gestorben, so dass ich nach einer neuen Vorleserin suche.
Lehner: Ich möchte Ihnen etwas Kurzes vorlesen, das im Katalog einer Ihrer Ausstellungen steht: "In Heinz Oestergaard haben wir einen Meister gefunden, der die Mentalität der Venezianer begriffen hat. Er denkt in unseren Kategorien und wird Teil unseres Lebensgefühls. Das ist die von uns immer wolllüstig und raffiniert inszenierte Commedia dell'Arte. Er erspürt die Einflüsse von Orient und Oxident." Das hat Ihr Freund, der Chef der Fa. Salviati in Murano geschrieben. Hat er Sie da richtig erkannt, als einen Menschen, dessen wichtigste Lebenselemente der Humor und der Eros sind?
Oestergaard: Ja.
Lehner: Herr Professor Oestergaard, ich danke Ihnen ganz herzlich, dass Sie zu uns gekommen sind und uns einen wunderbaren Regenbogen von Schönheit und Eleganz entworfen haben, an dem Sie ein Leben lang mitgearbeitet haben. Verehrte Zuschauer, das war Alpha-Forum mit dem großen Modeschöpfer Professor Heinz Oestergaard.