"Tragbare Mode für Millionen"

Von Linda Stutznäcker

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Am 15. August 1916 wird Heinz Oestergaard in Berlin geboren.

Er wächst in einer deutsch-dänischen Verlegerfamilie in großbürgerlichen Schöneberger Verhältnissen auf. Die Familie betreibt einen Schulbuchverlag, und der Wunsch des Vaters ist es, dass der Sohn ihn weiterführen möge. Doch schon als Kind ist Heinz Oestergaard von der Mode besessen, interessiert sich für die Garderobe seiner Mutter und bildet schnell seinen eigenen Geschmack – er will etwas Anderes, als sein Vater für ihn plant: er will Mode machen.

Bis 1935 macht Oestergaard zunächst eine Lehre als Textilkaufmann und studiert daraufhin Kunst und Zeichnen bei Professor Breuhaus de Groot und Professor Otto Arpke, die seine künstlerischen Ambitionen entscheidend prägen. Anschließend besucht er die Hirsch'sche Zuschneideakademie in Berlin, die er 1935 mit dem Abschlusszertifikat der technischen Ausbildung als Modeschaffender verlässt.

1936 tritt er eine Lehre im damals berühmten Modehaus "Schröder-Eggeringhaus" an, jedoch 1937 muss er zum Arbeitsdienst. 1938 bis 1940 arbeitet Oestergaard als Konfektionär und Modeschöpfer im Salon "Erich-Vogel" in Berlin, bis er 1940 zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogen wird und in russische Gefangenschaft gerät. Als er 1946 in seine zerbombte Heimatstadt Berlin zurückkehrt, ist niemandem nach Glamour zumute. Die Stadt liegt am Boden. Die Trümmerfrauen, die Deutschland wieder aufbauen müssen, prägen während der gesamten Nachkriegsjahre das Straßenbild. Sie tragen beim Steineschleppen Kleiderschürzen, geflickte Strümpfe, geknotete Tücher auf dem Kopf und die grauen Wollmäntel ihrer Männer.

Als Christian Dior am 12. Februar 1947 in Paris eine neue Linie präsentiert, die unter dem Namen "New Look" die Damenbekleidung der 50er Jahre bestimmen wird, macht sich vor Allem in Deutschland zunächst heftiger Protest gegen das Pariser Modediktat breit. Zum einen stellt die neue Linie Frauen vor das Problem, genügend Stoff zu beschaffen, zum Anderen repräsentiert der "New Look" für viele nichts Anderes als eine modische Variante des überholten Frauenbildes.

Nach und nach erfreut sich die neue Linie jedoch zunehmender Beliebtheit, und neben anderen deutschen Designern bemüht sich auch Heinz Oestergaard, den "New Look" trotz Materialknappheit umzusetzen: Fallschirmseide, Decken und Fahnenstoffe aus Lagerbeständen der Wehrmacht werden ebenso umgearbeitet wie Flickenstoffe, Bettzeug und alte Kleider.

Die Trümmerfrauen lassen Oestergaard nicht los, er ist regelrecht besessen von dem Gedanken, ihnen wieder Mode und Eleganz zu geben. Sein erster Gedanke ist: „Ich will für diese Frauen Mode machen - etwas Schönes.” 1946 versetzt Oestergaard einen Flügel und eine goldene Uhr, mietet sich eine Villa in Grunewald, stellt Näherinnen ein und eröffnet als jüngster Modemacher Berlins sein erstes Modeatelier mit dem Namen: "Schröder-Eggeringhaus & Oestergaard".

Zu seinen ersten Kundinnen gehören Prostituierte, „denn sie allein hatten Gelegenheit und Mut, Aufsehen zu erregen - und natürlich das nötige Kleingeld”, erzählt er später. Bezahlt wird meist in Nachkriegswährung: Whisky und Zigaretten. Die nutzt Oestergaard auch, um an Stoffe zu kommen, was in diesen Zeiten nicht einfach ist. Während Christian Dior zur gleichen Zeit in Paris Abendkleider kreiert, die bis zu achtzig Meter Stoff verbrauchen, muss er alte Wehrmachtsuniformen, Gardinen und Fahnen verwerten. Als Berliner begegnet er dem Mangel mit Schnauze und gibt seinen Entwürfen Namen wie „Schwarzmarkt” und „Stromsperre”.  

Zwar von Paris inspiriert behält Oestergaard jedoch seine eigene Note und erarbeitet sich einen großen Kundenkreis und Bekanntheitsgrad – er kleidet unter zahlreichen Prominenten vor Allem auch die deutschen Stars der 50er Jahre ein. Er kreiert für die Damen der Gesellschaft Kleider mit weichen, fließenden Linien, deren Femininität er durch schmale Taillen und runde Schultern ergänzt. Sein Design ist elegant, aber auch luftig und heiter. „Mein Prinzip war, den Körper zu formen, aber nicht zu vergewaltigen”, beschreibt er später seinen Stil, „die Kleider für die neue Frau nach dem Krieg sollten verführerisch sein.” – und betonen deshalb meist das Dekolleté.

Heinz Oestergaard liebt die Berliner Gesellschaft, und diese liebt ihn. Fast alle Stars des Nachkriegsfilms kommen in sein Atelier. Romy Schneider, Hildegard Knef, Cornelia Froboess, Maria Schell und Zarah Leander gehören zu seinen Kundinnen.

Ab 1951 ist Oestergaard auch als Modeberater für Industrieunternehmen und Stoff-Firmen wie Hoechst, Girmes oder Bayer tätig. Als Berater der Unterwäschefirma Triumph befreit er die Frauen vom Korsett, indem er die Stahlstäbchen entfernt und Mieder aus weichem Stretchmaterial schaffen lässt. Als einer der ersten Modemacher verarbeitet er bei seinen Stoffen Chemiefasern wie Trevira, führt Anfang der 50er Jahre die neuen Synthetikfasern Cupresa und Cuprama ein, was seiner Laufbahn zu einem guten Schwung nach oben verhilft - mit aus den Synthetikfasern gestalteten Modellen veranstaltet Oestergaard öffentliche Modenschauen in 40 deutschen Städten - ein großer Erfolg.

Neben Kollektionen für führende Modehäuser entwirft Oestergaard Exklusivmodelle im Privatauftrag für prominente Persönlichkeiten von Bühne, Film, Funk und Fernsehen, er erhält Preise für Film- und Bühnenausstattung.  Viele aus der Branche belächeln ihn, als er 1967 anfängt, für das Versandhaus „Quelle” zu entwerfen. Aber die fast 20 Jahre dauernde Zusammenarbeit mit Grete Schickedanz ist überaus erfolgreich. Einmal überredet er die Firmenchefin, damals noch nicht populäre Overalls anzubieten - sie werden ein Verkaufsschlager.

Trotz allem führt er sein Modeatelier weiter, nach 1967 in München unter dem Namen „Studio für kreatives Design”. Der Mauerbau hatte die Arbeit in Berlin zunehmend erschwert, weshalb die Stadt an der Spree künftig in der deutschen Mode keine große Rolle mehr spielte. In München setzt Oestergaard sich entgegen der "Haute Couture" für eine Demokratisierung der Mode ein, er versteht Mode nicht mehr als elitären Ausdruck, möchte eine "Mode für Millionen", die der Masse zugänglich und erschwinglich ist. Seiner Meinung nach sollte jeder ein Recht auf Mode haben: „Ich möchte nicht ins Blaue phantasieren, ich möchte am Ku'damm jemanden sehen, der meine Kleider trägt.” Oestergaard will, dass die deutsche Durchschnittsfrau schicker wird, und er will beweisen, dass Alltagskleidung modisch sein kann. Dafür setzt er sich bei verschiedenen Modehäusern und Firmen ein.

In dieser Zeit entdeckt Oestergaard eine neue Sparte, die es zu modernisieren gilt: es entstehen zahlreiche Entwürfe neuer, funktionaler Berufskleidung für diverse Verbände und Berufszweige. 1971 verpasst er der Polizei die bundesweite, teils bis heute gültige grün-gelbe Uniform, knitterfrei und strapazierfähig – und endlich gibt es in Deutschland eine einheitliche Uniform, denn bis dahin gab es 120 verschiedene Modelle. Außerdem kreiert Heinz Oestergaard die Schutzbekleidung des ADAC und schlägt diesem die Farbe Orange vor:  Er kreiert für die technischen Hilfstruppen, die sogenannten „Gelben Engel“, Overalls aus orangefarbener Baumwolle. Dazu tragen sie eine Jockeymütze sowie einen orangefarbenen Mantel mit Südwester aus Kunststoff (Vistram). Repräsentativen Zwecken dient der von Oestergaard entworfene, leicht taillierte, braune Dienstanzug mit modischer Ballon-Schirmkappe. Die leuchtende Sicherheitskleidung führt der ADAC jedoch erst 1987 ein. Ebenso entwirft Oestergaard auch die Uniformen für die Handelsmarine der Sowjetunion.

Neben Kleidern, darunter auch Filmkostümen, entwirft Oestergaard Dessous, Schuhe und Brillen.  Er ist der Erste, der mit Dessous-Modenschauen das prüde Bewusstsein im Nachkriegsdeutschland aufrüttelt.

Doch nicht nur als Modedesigner macht sich Heinz Oestergaard einen Namen, sondern auch im Hochschulwesen. Schon 1969 wird er zum Professor an der „Deutschen Meisterschule“ in München berufen; und ab 1975 ist er Ehrenmitglied der Universität Innsbruck. 1978 wird Oestergaard Professor für Modedesign an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim und hält dort Vorlesungen bis 1984. Er bewirkt unter Anderem, dass der Studiengang Mode ins internationale Medieninteresse rückt. Einige seiner  Kollegen beschreiben ihn später:  „Mit bewundernswerter Kraft und Energie verstand Oestergaard es, seine weltweit gesammelten Erfahrungen den Studierenden praxisnah weiterzugeben. Neben seinen Erfahrungen war es das "Kreative-vorweg-Erspüren" von Modetrends, das den renommierten Modedesigner auszeichnete.

In seinen Vorlesungen verdeutlichte er u.A. die Zusammenhänge zwischen Allgemeinwissen, Musik, Reisetrends, Politik und deren Wechselbeziehungen zur Mode. Mit nicht unerheblichen finanziellen Mitteln umging er Etat-Engpässe und unterstützte die Studierenden, bei der geforderten perfekten Organisation und Präsentation. Seinen Studierenden war er nicht nur auf fachlicher Ebene ein vorbildlicher Professor. "Seine menschliche große Würde", erklärt Professor Jablonski, seinerzeit Rektor der Fachhochschule für Gestaltung, "wurde spürbar erkannt und selbst die in allen Bereichen vertretenen Querdenker mussten seiner Art mit jungen Menschen zu sprechen, stille Achtung zollen." „Heinz Oestergaard war ein außergewöhnlicher Mensch. Selten ist mir ein so toleranter Mensch begegnet wie er", so Prorektorin Gerda Maria Ott aus dem Hochschulbereich Gestaltung. "Seine Offenheit war seine Stärke und seine Liebe der Schutz gegen Einsamkeit. Er war bescheiden und trotzdem eitel bis ins hohe Alter: er trug nur helle Farben, bevorzugt Weiß, und mit seinem jugendlichen Lachen und dem dichten weißen Haar, erweckte er fast den Eindruck eines "Gurus". Es war nicht leicht nach "Oesti" den Studiengang Mode zu übernehmen, aber er hat mich liebevoll und tröstend unterstützt, ja er ist sogar extra angereist, um mit mir noch einmal zum Defilée auf die Bühne zu springen. Ich bewunderte seinen Charme und seine Herzlichkeit und verdanke ihm viele spannende Gespräche."

Auch nach seiner Pensionierung hält der leidenschaftliche Professor gelegentlich noch Vorträge und beteiligt sich in Jurys.Wer heute an die Hochschule nach Pforzheim kommt, wird auf viele Spuren von Oestergaard stoßen, die noch lange erkennbar sein werden. Neben zahlreichen Anekdoten, die von Semester zu Semester weitergegeben werden, sind inzwischen auch ehemalige Schüler und Schülerinnen von Oestergaard als Lehrbeauftragte aktiv, viele seiner „Kinder“ sind heute in Berlin, München, Paris und London als selbstständige Modedesigner aktiv oder für große Konfektionsfirmen tätig.

Nach seiner Pensionierung als Professor erlernt Oestergaard die Kunst des Glasblasens und entwirft Vasen, außerdem Teppiche und Möbel. 1992 veröffentlichte Oestergaard viele seiner Werke in der Ausstellung "Mode für Millionen" im Berlin Museum sowie 1993 in einer Ausstellung  im "Museum für Angewandte Kunst" in Köln. 1996 wird sein Lebenswerk gewürdigt: Am 05.Februar bekommt Heinz Oestergaard den Verdienstorden des Landes Berlin verliehen, einen Tag später das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Am Samstag, den 10.05.2003, stirbt Heinz Oestergaard im Alter von 86 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung in einem Seniorenheim in Bad Reichenhall. Heute gilt Heinz Oestergaard als bedeutendster und einflussreichster deutscher  Modedesigner der Nachkriegszeit. Seine Aktivitäten schienen wie ein Spiel - alles mit leichter Hand arrangiert. Seine Ausstrahlung war perfekt und glamourös auf der Bühne und warm und aufmerksam im Gespräch mit jedem Einzelnen. Er liebte das Leben, die Menschen und seine Arbeit wie kein Anderer.